top of page

Unser Nervensystem | Teil 2 - Vagusnerv, Polyvagal-Theorie und Hochsensibilität


Blog: Unser Nervensystem

Wir hochsensiblen Menschen nehmen unsere Umgebung sehr intensiv wahr und reagieren oft stark auf verschiedene Reize. Die Polyvagal-Theorie von Dr. Stephen W. Porges beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem im Zusammenhang mit dem Vagusnerv auf verschiedene Signale aus der Umwelt und aus unserem Körper reagiert. Daraus können wir lernen, uns selbst besser zu verstehen und Strategien zur Regulation zu entwickeln – eine Chance unsere Sensibilität leichter zu meistern.



Hinweis:

Ich möchte in diesem Beitrag mit meinen eigenen Worten einen kleinen Überblick zu den Themen Vagusnerv, Polyvagal-Theorie und Neurozeption in Verbindung mit der Hochsensibilität geben. Diese Themen sind im Einzelnen natürlich sehr umfangreich. Ich berücksichtige lediglich kleine Anteile daraus.


Der Vagusnerv


Der Vagusnerv ist ein wichtiger Bestandteil des parasympathischen Nervensystems (Erholungssystem > Erläuterung s. Unser Nervensystem – Teil 1) innerhalb der vegetativen bzw. autonomen Nervensystems.


Er ist der längste Hirnnerv unserer zwölf Hirnnerven, besteht aus tausenden von Fasern und erstreckt sich von Hirnstamm über den Brustbereich, bis hin zu den Organen im Bauchraum.


Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle beim Austausch zwischen Gehirn und Organen. Er kontrolliert und reguliert viele lebenswichtige Funktionen im Körper. Z. B. reguliert er die Herz- und Atemfrequenz, die Verdauung und beeinflusst das Immunsystem.


Besonders für hochsensible Menschen ist die Aufgabe des Vagusnervs interessant, da er als Schlüsselelement bei der Regulation von Stress und Emotionen dient.


Wesentliche Aspekte sind hierbei z. B.


  • Stressregulation:

    • Verminderung von Stressreaktionen und schnellere Erholung von Stress

  • Emotionale Stabilität:

    • Regulation emotionaler Reaktionen

  • Sensorische Verarbeitung:

    • Besserer Umgang mit Reizüberflutung

  • Körperliches Wohlbefinden:

    • Regulation der Verdauung

    • Erhaltung des Gleichgewichts aller Funktionen im Körper (Homöostase)


Die Polyvagal-Theorie


Die Polyvagal-Theorie, entwickelt von Dr. Stephen W. Porges, gibt einen tieferen Einblick in die Funktionen des autonomen Nervensystems und dessen Einfluss auf unsere Reaktionen, Verhaltensweisen (auf z. B. Stress) und unser Wohlbefinden. Sie betont die Bedeutung von Sicherheit und sozialer Interaktion und erweitert das Verständnis für die Rolle des Vagusnervs.


Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei evolutionär entwickelte Systeme des autonomen Nervensystems die unsere Reaktionen auf unsere Umwelt regulieren.


Sie basiert zum einen auf


  • der Funktion des Vagusnervs bzw. auf dessen zwei Anteilen,

    • dem ventral-vagalen Anteil (Sicherheit) und

    • dem dorsal-vagalen Anteil (Lebensbedrohung) und


zum anderen auf


  • der Funktion des Sympathikus (Gefahr).


Hierarchische Aufteilung:


Ventraler Vagus (Sicherheit) > auch „soziales Nervensystem“ genannt:


  • evolutionär jüngstes System

  • fördert soziale Interaktion, Ruhe, Verdauung

  • wir fühlen uns sicher und entspannt


Sympathisches Nervensystem (Gefahr):


  • evolutionär mittleres System

  • sorgt für Mobilisierung, erhöht die Wachsamkeit

  • aktiviert unseren Kampf-/Flucht-Modus

  • wir erleben Stress oder Bedrohung


Dorsaler Vagus (Lebensbedrohung):


  • evolutionär ältestes System

  • führt zu Immobilisation > erstarren, abschalten

  • wir fühlen uns überwältigt oder dissoziiert (lat. trennen, schneiden)


Diese Systeme stehen in einem dynamischen Zusammenspiel, das dem Organismus ermöglicht, flexibel auf verschiedene Bedingungen, Anforderungen und Einflüsse aus der Umwelt zu reagieren.


Neurozeption


Neurozeption ist ein Aspekt im Rahmen der Polyvagal-Theorie. Sie ist ein automatischer, unbewusster Prozess, durch den das autonome Nervensystem ständig die Umgebung und

den Körper auf Anzeichen von Sicherheit oder Gefahr überprüft.


Dieser Prozess beeinflusst, welche autonomen Reaktionen in Situationen – soziale Interaktion, Kampf/Flucht, Immobilisation – aktiviert werden und spielt eine entscheidende Rolle in der emotionalen und sozialen Regulation sowie der Reaktion auf Stress.


Erhalten wir Anzeichen für Sicherheit wird der ventrale Vagus aktiviert und wir können sozial interagieren und uns entspannen.

Erhalten wir Anzeichen für Gefahr wird das sympathische Nervensystem aktiviert und unser Körper stellt sich auf Kampf oder Flucht ein.

Erhalten wir Anzeichen für Lebensbedrohung wird der dorsale Vagus aktiviert und wir sind handlungsunfähig, erstarren oder werden ohnmächtig.


Wenn wir uns aufgrund von besonderen Herausforderungen über einen längeren Zeitraum in einem Gefahrenmodus oder gar in einem Überlebensmodus befinden, kommt es zu einer Dysregulation unseres Nervensystems. Dies kann zu verschiedenen Störungen unserer Körpersysteme und damit zu erheblichen gesundheitlichen Belastungen führen.


Wichtig zu wissen ist, dass die Regulation unseres ventralen Vagus (Sicherheit) nach einer bestimmten Reihenfolge erfolgt. Es ist nicht möglich von einer Erstarrung zurück in einen Zustand der Entspannung und Sicherheit zu gelangen. Wir dürfen erst die angestaute, nicht freigesetzte Energie aus dem dorsalen Vagus (Lebensbedrohung) über den Sympathikus (Gefahr > Kampf/Flucht) befreien. Dieses funktioniert über eine Mobilisierung unseres Körpers. Es ist also eine körperliche Aktion erforderlich, um dann in den Zustand des Wohlgefühls zurückzugelangen.

 

Beispiel:

Vielleicht kennst Du das Zittern eines zuvor gejagten Tieres, wenn die Gefahr vorüber ist.

So zeigt sich eine Entladung der angestauten Energie, die während der Jagd über den Sympathikus mobilisiert wurde. Dieser Prozess ist entscheidend für die Wiederherstellung des Gleichgewichts im Nervensystem des Tieres.


Zusammenhang – Polyvagal-Theorie, Neurozeption und Hochsensibilität


Wie schon beschrieben, bietet die Polyvagal-Theorie wertvolle Einblicke in die Funktionsweise des autonomen Nervensystems und kann so helfen, die Hochsensibilität besser zu verstehen und zu bewältigen.


Wir hochsensiblen Menschen haben u. a. durch unsere besondere Wahrnehmungsgabe oft eine besonders ausgeprägte Neurozeption. Unser Nervensystem reagiert sehr empfindlich auf Umweltreize. Diese erhöhte Sensibilität kann dazu führen, dass wir häufiger und intensiver auf potenzielle Gefahren oder Stressoren reagieren. So kann es sein, dass uns solche Signale wiederholt in Gefahren- oder auch Überlebenszustände lenken.


Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit mehr „im Außen“ unterwegs, als bei uns selbst. Deswegen ist es wichtig, dass wir lernen, mehr bei uns selbst zu sein, uns selbst zu spüren und uns selbst bewusst zu werden.


Durch das Verständnis der Neurozeption können wir u. a. lernen, unsere Umgebung und den Alltag so zu gestalten, dass wir z. B. Überstimulation vermeiden, was die Aktivierung des ventralen Vagus (Sicherheit) fördert und unsere Stressreaktionen reduziert.


Für uns hochsensiblen Menschen sind positive soziale Interaktionen wichtig, da sie helfen können, das Nervensystem zu regulieren und das Gefühl der Sicherheit zu fördern.

Wir profitieren von unterstützenden und verständnisvollen sozialen Beziehungen. Es ist im Gegenzug aber auch bedeutend, dass wir lernen, Grenzen zu setzen und Erholungszeiten einzuplanen, um uns selbst zu schützen.


Insgesamt ist es von Vorteil, wenn wir uns Strategien (wie z. B. Atemübungen, Meditation) aneignen, die das Nervensystem beruhigen.


Meine Favoriten sind Spaziergänge im Wald und Meditation.


Fazit


Unser autonomes Nervensystem, besonders der Vagusnerv, mit den genannten Untersystemen spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation von Stress und Emotionen – besonders für uns hochsensiblen Menschen.

Die Polyvagal-Theorie bietet uns wertvolle Perspektiven um unsere Hochsensibilität besser zu verstehen und zu bewältigen.

Indem wir lernen, wie unser Nervensystem auf Reize reagiert und wie wir es durch gezielte Maßnahmen regulieren können, erhalten wir ein besseres Wohlgefühl – eine Chance unsere Sensibilität leichter zu meistern.


So, ich hoffe, das war jetzt nicht allzu kompliziert ...


Herzlichst Deine Kim


Suchst Du Unterstützung beim Erlernen von Strategien, um Dein Nervensystem besser zu regulieren? Dann helfe ich Dir gerne dabei ...


10 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page